Farbenblindheit und Farbsehschwäche

Ursachen, Symptome, Diagnostik & Alltag

Farbenblindheit und Farbsehschwäche: Ursachen, Symptome, Diagnostik

Wenn Farben anders wahrgenommen werden

Farben sind nicht nur schön anzusehen – sie helfen uns vor allem bei der Orientierung im Alltag, weil wir durch sie wichtige Informationen aus der Umwelt schneller und sicherer erkennen können. Manche Menschen können bestimmte Farben jedoch nur eingeschränkt oder gar nicht unterscheiden.

Der Begriff „Farbenblindheit“ wird dabei häufig mit der „Rot-Grün-Schwäche“, einer Farbsehschwäche, gleichgesetzt – medizinisch handelt es sich jedoch um unterschiedliche Formen von Farbsehstörungen. Die meisten von einer Farbsehstörung Betroffenen kommen im Alltag gut zurecht, stoßen jedoch in bestimmten Situationen auf Herausforderungen. In diesem Artikel erklären wir Ihnen die Ursachen, Formen, Diagnostik-Möglichkeiten und Auswirkungen von Farbsehstörungen.

Wie funktioniert das Farbsehen überhaupt?

Die Netzhaut in unserem Auge enthält verschiedene Arten von Sehzellen. Für das Sehen von Farben sind die sogenannten Zapfen zuständig: Dabei gibt es drei verschiedene Zapfentypen, die jeweils auf unterschiedliche Wellenlängen des Lichts reagieren und so das Sehen der Farben Rot, Grün und Blau ermöglichen. Unser Gehirn kombiniert die Signale aller drei Zapfentypen zu unserer Farbwahrnehmung – bis zu 10 Millionen verschiedene Farben kann der Mensch auf diese Weise wahrnehmen! Funktionieren einzelne Zapfen nicht richtig oder fehlen sie, entstehen Farbsehstörungen.

Farbenblindheit oder Farbsehschwäche – wo liegt der Unterschied?

Der Begriff „Farbenblindheit“ wird umgangssprachlich oft falsch verwendet: Die meisten irrtümlicherweise als farbenblind bezeichneten Personen leiden lediglich an einer Farbsehschwäche (Farbfehlsichtigkeit), bei der einzelne Farben schlechter erkannt werden. Vollständige Farbenblindheit (Achromatopsie) ist äußerst selten. Sie geht häufig zusätzlich einher mit starker Lichtempfindlichkeit, verminderter Sehschärfe und Augenzittern (Nystagmus).

Welche Formen der Farbsehstörung gibt es?

Rot-Grün-Schwäche – die häufigste Form

Die mit Abstand häufigste Farbsehstörung ist die Deuteranomalie (Grünschwäche); die Protanomalie (Rotschwäche) kommt ebenfalls häufig vor. Betroffene Personen haben Schwierigkeiten beim Unterscheiden von Rot-, Grün-, Braun- und Orangetönen. Die Rot-Grün-Schwäche kommt bei Männern häufiger vor: Etwa 8–9 % der Männer, aber weniger als 1 % der Frauen sind davon betroffen.

Blau-Gelb-Störung

Deutlich seltener ist die Schwierigkeit, Blau- und Gelbtöne richtig zu unterscheiden. Eine Blau-Gelb-Störung ist meist nicht angeboren, sondern die Folge einer Augenerkrankung oder Schädigung des Sehnervs. 

Vollständige Farbenblindheit (Achromatopsie)

Bei der „echten“ Farbenblindheit handelt es sich um eine sehr seltene, angeborene Erkrankung. Es können dabei gar keine Farben gesehen werden; die visuelle Wahrnehmung erfolgt ausschließlich in Graustufen. Oft geht Farbenblindheit zusätzlich einher mit hoher Blendempfindlichkeit, reduzierter Sehschärfe und Nystagmus (Augenzittern).

Warum entsteht eine Farbenblindheit oder Farbsehschwäche?

In den allermeisten Fällen sind Farbsehstörungen angeboren, also genetisch bedingt. Jede Art von Zapfen – die Sinneszellen im Auge, die das Farbensehen ermöglichen – enthält spezielle Sehpigmente für das Sehen von roten, grünen und blauen Farben. Meistens sind die Gene verändert, die den Bauplan für diese Sehpigmente enthalten. Dadurch funktionieren einzelne Zapfen nicht vollständig oder reagieren auf bestimmte Lichtwellenlängen anders als gewöhnlich.

Die Gene für die roten und grünen Sehpigmente liegen auf dem X-Chromosom. Veränderungen dieser Gene können von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden. Warum Männer häufiger als Frauen von einer Rot-Grün-Schwäche betroffen sind? Männer besitzen ein X- und ein Y-Chromosom (XY), Frauen dagegen zwei X-Chromosomen (XX). Ist das X-Chromosom eines Mannes von der Genveränderung betroffen, gibt es kein zweites X-Chromosom, das den Defekt ausgleichen könnte – die Farbsehstörung tritt daher auf. Da Frauen zwei X-Chromosomen besitzen, kann das andere gesunde X-Chromosom die Funktion häufig übernehmen, falls nur eines von beiden verändert ist. Viele Frauen sind deshalb lediglich Überträgerinnen, ohne selbst eine Farbsehstörung zu haben.

In selteneren Fällen können Farbsehstörungen auch erworben sein, also im Laufe des Lebens entstehen. Mögliche Ursachen dafür sind:

  • Erkrankungen der Netzhaut
  • Erkrankungen des Sehnervs
  • Grauer Star
  • Bestimmte Medikamente
  • Verletzungen

Häufig bessert sich in solchen Fällen das Farbsehen wieder, wenn die Grunderkrankung erfolgreich behandelt werden kann.

Welche Symptome haben Betroffene?

Eine Farbsehstörung bedeutet meist nicht, überhaupt keine Farben zu erkennen. Die meisten Betroffenen sehen Farben, nehmen bestimmte Farbtöne aber anders wahr oder können sie schlechter voneinander unterscheiden. Folgende Symptome sind typisch:

  • Farben wirken weniger intensiv: Bestimmte Farben können blasser, dunkler oder weniger leuchtend erscheinen.
     
  • Bestimmte Farbtöne werden verwechselt: Bei einer Rot-Grün-Störung können nicht nur Rot und Grün schwer unterscheidbar sein – auch Braun, Orange, Gelb, Beige oder Violett können ähnlich erscheinen, weil diese Farben Rot- oder Grünanteile enthalten. Bei einer Blau-Gelb-Störung werden vor allem Blau-, Grün-, Gelb- und Violetttöne verwechselt.
     
  • Probleme beim Erkennen farbcodierter Informationen: Schwierigkeiten entstehen vor allem dann, wenn Informationen ausschließlich über Farben vermittelt werden, z. B. bei roten und grünen Markierungen, farbigen Tabellenfeldern, Warnleuchten, Kabeln oder Laborstreifen.
     
  • Schwierigkeiten bei Ampeln, Karten oder Diagrammen: Bei Ampeln orientieren sich viele Betroffene zusätzlich an der Position der Lichtsignale und nicht allein an deren Farbe. Auf Karten können ähnlich gefärbte Linien oder Flächen schwer unterscheidbar sein. Und rot-grüne Balken, Kurven oder Statusanzeigen in Diagrammen und digitalen Anwendungen können missverständlich wirken.

Die Auffälligkeiten bestehen meist seit der Kindheit: Angeborene Farbsehstörungen sind von Geburt an vorhanden und bleiben normalerweise lebenslang bestehen. Kinder können Schwierigkeiten bei farbbezogenen Aufgaben haben, etwa beim Ausmalen, Sortieren oder Benennen von Farben. Sie lernen jedoch häufig früh, Gegenstände anhand von Helligkeit, Form, Position oder vertrauten Bezeichnungen zu erkennen.

Viele Betroffene bemerken ihre Farbsehstörung erst durch Zufall. Da die eigene Farbwahrnehmung von Geburt an als „normal“ erlebt wird, fehlt der direkte Vergleich. Oft fällt die Farbsehstörung erstmals bei einem Sehtest in der Schule, beim Augenarzt oder im Rahmen einer beruflichen Untersuchung auf. Je geringer die Farbsehschwäche ausgeprägt ist, desto weniger beeinträchtigt sie den Alltag – und bleibt deshalb oft lange unentdeckt.  

Wie wird eine Farbsehstörung festgestellt?

Der häufigste Screening-Test zur Erkennung einer Farbsehstörung sind die Ishihara-Farbtafeln, welche 1917 von dem japanischen Augenarzt Shinobu Ishihara veröffentlicht wurden. Auf den Farbtafeln sind viele runde Farbflecken mit unterschiedlichen Farbtönen, Helligkeitswerten und Größen angeordnet. Personen mit normaler Farbsehfähigkeit können daraus Zahlen oder Buchstaben lesen, während Probanden mit einer Farbsehschwäche meist nichts erkennen. Die Ishihara-Farbtafeln eignen sich vor allem zur Feststellung einer Rot-Grün-Störung.

Möchte man eine noch genauere Diagnose einer Farbsehstörung, ist das Anomaloskop der Goldstandard zur genauen Diagnose. Die augenärztliche Untersuchung dauert nur wenige Minuten und bestimmt Art und Ausprägung der Farbsehstörung, indem die untersuchte Person durch ein Gerät auf ein kreisförmiges Gesichtsfeld blickt und dieses – in ihrer Wahrnehmung – farblich korrekt einstellt. Die Diagnostik mit dem Anomaloskop ist besonders wichtig bei beruflichen Eignungsuntersuchungen, da beispielsweise in der Luftfahrt, im Bahnverkehr, in der Schifffahrt oder bei einigen Behörden und Sicherheitsorganisationen sicheres Farbsehen Voraussetzung ist.

Folgende weitere Untersuchungen können außerdem zur Diagnose einer Farbsehstörung zum Einsatz kommen:

  • Farnsworth-Munsell-Test: Je nach Testvariante müssen farbige Plättchen oder Kappen in eine möglichst stimmige Reihenfolge gebracht werden. Bei einer Farbsehstörung entstehen typische Fehlermuster, anhand derer sich Rückschlüsse auf die Art der Störung ziehen lassen. Der Test eignet sich besonders zur Beurteilung leichter Farbsehstörungen sowie zur Verlaufskontrolle.
     
  • Lanterntests für bestimmte Berufsgruppen: In einigen Berufen ist es entscheidend, farbige Lichtsignale sicher erkennen zu können. Bei den sogenannte Lanterntests werden unterschiedlich farbige Signallichter – beispielsweise Rot, Grün oder Weiß – unter standardisierten Bedingungen gezeigt. Eingesetzt werden sie u. a. im Rahmen von Eignungsuntersuchungen für bestimmte Tätigkeiten in der Luftfahrt, im Bahnverkehr oder in der Schifffahrt.
     
  • Ergänzende augenärztliche Untersuchungen bei Verdacht auf erworbene Ursachen: Treten Farbsehstörungen erstmals im Erwachsenenalter auf oder verschlechtern sie sich plötzlich, kann eine Augenerkrankung die Ursache sein. Je nach Beschwerden können dann weitere Untersuchungen auf Augenerkrankungen erforderlich sein.

Welche Auswirkungen hat eine Farbsehstörung im Alltag?

In den meisten Fällen schränkt eine Farbsehstörung Betroffene nicht gravierend ein, aber bringt durchaus einige Herausforderungen im Alltag mit sich. Die betroffenen Personen entwickeln meist unbewusst Strategien, um die Farbsehschwäche auszugleichen.

Wer beispielsweise Kleidung farblich kombinieren möchte und ähnliche Rot-, Grün-, Braun- oder Grautöne verwechselt, orientiert sich möglicherweise an Etiketten, der Reihenfolge im Schrank oder fragt Familienmitglieder um Rat. Wichtiger ist die Tatsache, dass Menschen mit einer Farbsehstörung oft Schwierigkeiten haben, den Reifegrad von Tomaten, Bananen oder Beeren oder den Frischegrad von Fleisch und anderen Lebensmitteln anhand der Farbe einzuschätzen. Deshalb spielen andere Merkmale wie Geruch, Konsistenz oder das Mindesthaltbarkeitsdatum häufig eine größere Rolle. Bei Gesellschafts- oder Brettspielen unterscheiden sich Spielfiguren, Karten oder Spielsteine oft ausschließlich durch ihre Farbe. Für Menschen mit Farbsehschwäche ist es hilfreich, wenn zusätzlich unterschiedliche Formen, Symbole oder Beschriftungen vorhanden sind.

In technischen Bereichen werden Informationen oft ausschließlich über Farben vermittelt, zum Beispiel unterschiedlich gefärbte Kabel. Zur Orientierung achten viele Betroffene zusätzlich auf Beschriftungen, Zahlen, Positionen oder unterschiedliche Muster. Viele Karten, Diagramme oder digitale Anwendungen verwenden Rot und Grün zur Unterscheidung von Informationen. Moderne Software berücksichtigt zunehmend die Bedürfnisse farbfehlsichtiger Menschen und ergänzt Farben durch Muster, Kontraste oder Symbole; es kommen auch immer häufiger „farbenblindfreundliche“ Farbpaletten zum Einsatz.

Berufswahl: Wann kann eine Farbsehstörung relevant sein?

Für viele Berufe spielt es überhaupt keine Rolle, wie gut man Farben unterscheiden kann. Aufgrund der beruflichen Aufgaben und den Anforderungen an Sicherheit für sich selbst und andere Personen bestehen in den folgenden Berufen in der Regel Einschränkungen in der Toleranz von Farbsehstörungen:  

  • Pilotinnen und Piloten
  • Lokführerinnen und Lokführer
  • Bestimmten Tätigkeiten bei Polizei oder Bundeswehr
  • Einige Berufe im Schiffsverkehr
  • Einzelne technische Berufe mit sicherheitsrelevanter Farberkennung

Die Anforderungen an die Fähigkeiten des Farbsehens unterscheiden sich je nach Beruf und Art der Farbsehstörung.

Kann man Farbenblindheit behandeln?

Angeborene Farbsehstörungen sind derzeit nicht ursächlich heilbar. Es gibt jedoch Hilfsmittel: Spezialfilter- oder Kontrastbrillen können einzelnen Betroffenen helfen, bestimmte Farben besser zu unterscheiden. Sie stellen das normale Farbsehen jedoch nicht wieder her. Bei erworbenen Farbsehstörungen steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund – gelingt dies erfolgreich, kann sich häufig auch das Farbsehen wieder verbessern.

Wann sollte eine augenärztliche Untersuchung erfolgen?

Haben Sie den Eindruck, dass Sie Farben anders wahrnehmen als andere Menschen? Bitte lassen Sie sich augenärztlich untersuchen, wenn einer oder mehrere der folgenden Punkte auf Sie zutreffen:

  • Auffälligkeiten bereits im Kindesalter, z. B. wenn ein Kind Farben langsamer lernt, beim Malen, Sortieren oder Spielen regelmäßig bestimmte Farben verwechselt oder Probleme mit farbcodierten Aufgaben hat
     
  • Schwierigkeiten beim Erkennen von Farben, z. B. wenn Sie bemerken, dass Sie Ampeln, Karten, Diagramme oder farbige Markierungen schwer erfassen können
     
  • Plötzlich auftretende Veränderungen des Farbsehens, z. B. wenn Sie auf einmal Farben blasser wahrnehmen oder bekannte Farbtöne plötzlich schlechter unterscheiden können
     
  • Farbsehstörungen zusammen mit Sehverschlechterung oder Gesichtsfeldausfällen, z. B. wenn Sie zusätzlich eine allgemeine Sehverschlechterung, verschwommenes Sehen, Schmerzen am Auge oder eine verminderte Kontrastwahrnehmung bemerken

Generell gilt: Erworbene Veränderungen sollten immer augenärztlich abgeklärt werden, da sie auf Erkrankungen der Netzhaut oder des Sehnervs hinweisen können!

Fazit: Farbenblindheit ist selten – Farbsehstörungen dagegen relativ häufig

Entgegen der umgangssprachlichen Formulierung haben die meisten Betroffenen keine vollständige Farbenblindheit, sondern eine Farbsehschwäche. Angeborene Rot-Grün-Störungen kommen am häufigsten vor und begleiten Betroffene lebenslang, verschlechtern sich jedoch in der Regel nicht. Mit modernen augenärztlichen Untersuchungen lässt sich zuverlässig diagnostizieren, welche Art und Ausprägung einer Farbsehstörung vorliegt. Bei plötzlich auftretenden Veränderungen des Farbsehens sollte immer eine augenärztliche Abklärung erfolgen, um mögliche Erkrankungen frühzeitig zu erkennen.